Der Lieblingsfehler jedes Sprachliebhabers nach dem Nichtgebrauch des sterbenden Genitiv ist die Frage nach dem Sinn. Ergibt er sich lediglich? Kann er gemacht werden? Und warum können wir nicht aufhalten, wie sich die Sprache entwickelt?

Mir stellen sich die Nackenhaare auf, wenn ich sie höre, diese Phrase, die sich leise und behutsam in die Deutsche Sprache eingeschlichen und dort so festgesetzt hat, dass man fast glaubt, sie gehöre dazu: Es macht Sinn. Nein, macht es nicht! Niemand kann Sinn machen. Sinn ergibt sich aus den Gegebenheiten. Etwas kann sinnvoll sein, aber so sehr ich mich auch anstrenge, ich kann aus Unsinn keinen Sinn herauskitzeln.

Vergangene Woche habe ich in der Berliner U-Bahn diese schicke Werbung gesehen, und sofort sprudelte meine Ablehnung dieser Phrase aus mir heraus.

Sinn machen, Sinn ergeben, Volkssolidarität

 

Hier wird darum geworben, sich als Pfleger oder Erzieher bei der Volkssolidarität zu bewerben. #machtsinn. Ja, eben nicht. Ein Pfleger hilft Menschen, ein Erzieher bildet Kinder. Beide übernehmen sehr wichtige Aufgaben in unserer Gesellschaft, für die sie viel besser bezahlt werden müssten. Aber Sinn machen, das können auch diese Helden des Alltags nicht.

Die Diskussion um die Phrase, die aus dem englischen „makes sense“ abgeleitet wurde, brennt besonders unter uns Textern gern hoch. Es ist ein herrlicher Trigger. Wirf einem Texter diese Phrase entgegen und freue dich auf die innerliche Explosion. Den Rest der Welt interessiert es nicht. Sie nutzen sie fröhlich weiter.

Was nützt die Aufregung?

Warum ist das eigentlich so schlimm? Sprache verändert sich. Ständig. Das können wir nicht aufhalten. Es gab nie die eine Sprache, die richtige. Ob Deutsch, Englisch oder Russisch, jede Sprache lebt von Einflüssen ihrer sprachlichen Nachbarn. Das Schweizerdeutsche, das auch keine einheitliche Sprache ist, ist ein wunderschönes Beispiel: Hier werden die besten Wörter aus allen umliegenden Ländern übernommen. Ich liebe das höfliche „Merci“, das die Schweizer statt unseres „Danke“ verwenden. Es dauerte keine Woche, und ich hatte es in meinen Sprachgebrauch übernommen. Auf Deutschlandbesuchen erwische ich mich regelmäßig dabei, mit „Merci vielmal“ zu antworten.

Das Deutsche ist durchmischt von englischen und französischen Einflüssen. Mal werden Worte ganz eingedeutscht und sind heute kaum noch als Übernahmen zu erkennen. Mal ist es ganz deutlich. Und ab und an erfinden wir auch Worte, die nach Übernahmen klingen, aber gar keine Sind. Das Wort „Handy“ beispielsweise ist keinesfalls ein Anglizismus, denn das dazugehörige Gerät heißt im englischsprachigen Raum mobile phone oder mobile. Und auch wir exportieren fleißig Worte, die unsere Nachbarn gern nutzen.

Da ist es wenig verwunderlich, dass es für uns, in deren Sprache viel gemacht wird, vertraut klingt, wenn auch Sinn gemacht wird. Ob das jetzt rein logisch geht oder nicht.

Der Blick auf die Sprache

Warum regen wir uns also bei einigen Änderungen auf, während wir andere einfach geschehen lassen? „In ein paar Jahren steht ‚macht Sinn‘ vermutlich im Duden-Band 9 (‚Richtiges und gutes Deutsch‘), dann haben es die Freunde falscher Anglizismen mal wieder geschafft“, regte sich Bastian Sick im „Zwiebelfisch“ bereits 2003 auf. Im Onlineduden ist es immerhin inzwischen zu finden, wenn auch unter Umgangssprache. Und die wird nunmal von den meisten Menschen verwendet.

Deswegen werde ich die falsche Phrase nicht zu mögen beginnen. Nein. Ich werde weiterhin jeden, der sie nutzt, darüber aufklären, wie krumm das Bild ist, das er damit erzeugt. Und ich werde mich über jeden freuen, der genauso bedacht mit Worten umgeht, sie hinterfragt und versucht, stimmige Bilder zu erschaffen. Aber ich weiß auch, dass sich eine lebendige Sprache entwickeln dürfen muss. Sonst gibt es bald in ihr nichts Neues zu entdecken. Und das ist es doch, was Sprache so wundervoll macht.