Texter, Autoren und Journalisten erschaffen Bilder in unseren Köpfen. Das ist die Kunst des Schreibens. Doch gibt es einen großen Unterschied zwischen Texten, die mit Interpretationen und Bildern zwischen den Zeilen spielen, und solchen, die genau diesen Effekt dringend vermeiden wollen. 

Auf der Heimfahrt aus dem Urlaub saß ich im Zug neben einer Frau und ihrem kleinen Sohn. Er war vielleicht vier oder fünf Jahre alt und fing an, laut „We wish you a merry Christmas“ auf Italienisch zu singen. Und dann auf Deutsch. Und dann auf Englisch. Ich war baff, wie dieser Knirps so spielend leicht zwischen den Sprachen wechselte. Auch beim Rechenspiel mit Mama wechselte er die Sprachen so, wie es gerade bequem erschien:

„Was ist vier und zehn?“, fragte Mama auf Italienisch. Schweigen. Sie wiederholt die Frage auf Deutsch. „Vierzehn!“, platzt er heraus. „Siehst du, auf Deutsch ist rechnen viel einfacher“, lacht sie. Die beiden Worte „vier“ und „zehn“ ergeben ja bereits von selbst das Wort „vierzehn“, wohingegen „quattro“ und „dieci“ nur umständlich zu „quattordici“ werden. Sprachbegabt müsste man sein.

Doch oft braucht es gar keine Sprache, um andere Menschen zu verstehen. Mein Italienisch ist gelinde gesagt total eingerostet. Um mein Französisch ist es noch schlechter bestellt, obwohl ich beide Sprachen lange gelernt habe. Trotzdem komme ich in anderen Ländern oft gut klar, denn viel Kommunikation funktioniert eben nonverbal. Wir schauen einander an, schätzen an Blick und Haltung ab, was der Gegenüber meint, ob er uns freundlich oder unfreundlich gegenübersteht. Wir können zeigen, unseren Instinkt einsetzen, nicht nur sprichwörtlich mit Händen und Füßen reden. Und genau das hat direkte Kommunikation von Angesicht zu Angesicht Texten voraus. All diese gefühlten Eindrücke fallen weg. Der Schreiber muss dafür sorgen, dass der Leser ihn nicht falsch versteht.

Doppeldeutigkeiten verändern den Text

In Chats merken wir das häufig. Was ich gerade geschrieben habe, klingt nicht so, wie es klingen sollte. Mein Gegenüber versteht mich falsch, fühlt sich vielleicht angegriffen, obwohl ich das Geschriebene eher witzig meinte. Ironie beispielsweise funktioniert in Texten nur sehr selten, und wenn, kommt sie oft mit dem Holzhammer daher. Feine Untertöne sind schwer zu verpacken. Darauf müssen wir beim Schreiben achten.

Bei Literatur beispielsweise müssen wir erklären, was für die, die dabei sind, offensichtlich wäre. Denn der Leser soll sich fühlen, als sei er dabei, auch wenn er es nicht ist. Wir balancieren auf dem feinen Grat zwischen ausführlicher Beschreibung und gähnender Langeweile. Und wir müssen lernen, Gefühle und Eindrücke so in den Zeilen zu verpacken, dass der Leser den Eindruck gewinnt, zwischen den Zeilen lesen zu können.

Bei Pressemitteilungen, Erklärtexten für Webseiten oder Broschüren, wollen wir genau das vermeiden. Diese Texte sollen klar sein, nicht doppeldeutig. Der Leser soll informiert werden, nicht verwirrt. Daher müssen wir uns bei diesen Texten bei jedem Satz fragen, wie er gelesen wird, wie er sich in den Gesamttext einfügt, ob er Raum zur Interpretation und damit zu Missverständnissen bietet. Auch wenn solche oft einfacher wirkenden Texte meist kurz und knapp sind, steckt doch viel Arbeit darin, genau die richtigen Worte zu finden. Auch bei diesen Texten wird gefeilt bis zur Perfektion, aber mit einem anderen Ziel als bei literarischen Werken.